dietzenbach 2030 - definitiv unvollendet

forschungsprojekt im nationalen forschungsverbund "stadt 2030"


Das Bundesministerium für Bildung und Forschung initiierte im Jahr 2001 den Forschungsverbund "Stadt 2030". Ziel war es, in 20 ausgewählten Städten mit einer Bandbreite von Herausforderungen Ansätze für eine langfristige positive Stadtentwicklung zu erarbeiten.

"Dietzenbach - definitiv unvollendet" wurde als 21. Projekt aufgenommen: Hier war nicht nur eine wissenschaftliche Arbeit vorgesehen, sondern es lag der Schwerpunkt auf der Durchführung von Aktionen im Stadtraum, die dann wissenschaftlich ausgewertet werden sollten. Dieser Ansatz erwies sich als wirkungsvoll und als Herausforderung für die anderen teilnehmenden Städte.

Wer Dietzenbach kennt, wird verstehen, warum wir dieses Herangehen wählten: Dietzenbach kann ohne Zögern als das größten Misslingen des deutschen Nachkriegsstädtebaus betrachtet werden, und dies bezieht sich eigentlich fast weniger auf seine Entstehungsgeschichte, sondern vielmehr darauf, dass die Stadt danach noch an jedem Tropf der Städtebauförderung hing und hier jedes Wunder-Rezept ausprobiert wurde. Wir hatten bei unserem Projektantrag als Wichtigstes im Sinn, die Stadt nicht schon wieder in eine Forschungsschleife zu schicken, die im besten Falle dazu dient, dass sich junge Nachwuchswissenschaftler hier profilieren und schöne Berichte gedruckt werden, die Stadt aber danach nur wieder um eine betrogene Hoffnung reicher ist. Vielmehr lag uns am Herzen, die Mittel und die Aufmerksamkeit des Bundesprojektes dafür einzusetzen, die in der Stadt vollkommen weg gebrochene städtebauliche Dynamik neu anzuregen.

Mit diesem Ziel entstand ein recht gewagtes Konzept: Die BügerInnen wurden aufgerufen, die Brachflächen ihrer Stadt zu besetzen, zu nutzen und damit dem krassen Leerstandsproblem der Stadt selbst zu begegnen. Eine Installation aus 10.000 Pflöcken quer durch die Mitte der Stadt wies insofern unmissverständlich auf die Möglichkeiten hin, als hier für jede Besetzung 4 oder mehr Pflöcke entnommen werden mussten, die dann den neuen Claim absteckten. Wurde die Stadt von der Semi-Legalität dieses Aufrufes überrascht, so erwies sie sich zu Beginn als guter Mitspieler: Mit den Besetzern wurden Verträge "Besetzung gegen Verantwortung" geschlossen. War also eine besetzte Fläche vernachlässigt, so konnte sie von der Stadt zurückgefordert werden.

Mit zunehmendem Erfolg der Aktion jedoch, hunderte Dietzenbacher interessierten sich für Grabeland, wollten Würstchenbuden aufstellen, Bürgergärten pflegen, Spielplätze entwerfen, Streichelzoos einrichten etc., wurde den verantwortlichen Politikern mulmig: Man hatte Angst, die Kontrolle zu verlieren. Man hatte damit allerdings Angst genau vor dem, was das Ziel der Aktion war: Denjenigen, die Zeit und Ideen haben die Kontrolle über die Flächen zu geben und sie nicht bei denjenigen zu lassen, die warme Luft in weiche Kissen ablassen und deshalb traditionell in der Sache untätig sind.

Dennoch konnte sich auch in Dietzenbach langfristig etwas entwickeln: So stellten wir den Kontakt zu der Initiative Internationale Gärten her, die auch andernorts schon Grabeland betreibt - es gelang mittlerweile, für diesen Verein bemerkenswert große Flächen zu sichern.

Das Forschungsziel des Projektes wird mehr und mehr erreicht: Mittlerweile hat sich das "legale Besetzen" in der Stadtentwicklung einen festen Platz erobert, meist basierend auf dem in Dietzenbach entwickelten Nutzungsvertrag. In dieser Hinsicht ist das Projekt in Dietzenbach nach wie vor aktuell und setzt sich mit seinen Grundgedanken in Ableitungen wie dem Ideenlabor Bahnhofsviertel oder den Berliner Skatergärten fort - überall dort, wo Stadtentwicklung nicht von oben verordnet sondern von unten initiiert wird.  

 

leistung

forschung zur stadtentwicklung

status

abgeschlossen

auftraggeber         

bmbf-forschungsverbund "stadt 2030"

standort

dietzenbach

zeitraum

2003-2004

team

claudia becker, julia goldschmidt

verantw. partner/in

martin wilhelm

projektpartner

technische universität darmstadt, fachgruppe stadt; stadtverwaltung dietzenbach; goethe-universität frankfurt, institut für soziologie; büro topos, darmstadt